Was die Hitze uns gerade zeigt


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Draussen sind es fast 40 Grad. Die Bahn kommt nicht. Klimaanlagen fallen aus. Asphalt flimmert in der Mittagssonne. Selbst das Freibad, sonst ein Ort der Erholung, wird zur Herausforderung. Wer sich bewegt, schwitzt. Wer denkt, wird müde. Wer arbeitet, merkt plötzlich, dass selbst einfache Aufgaben mehr Kraft kosten als sonst. Und trotzdem erwarten viele von sich genau dieselbe Leistung wie an einem normalen Tag. Noch ein Termin. Noch eine Aufgabe. Noch schnell die E-Mails beantworten. Noch schnell einkaufen. Noch schnell das Projekt abschliessen. Wir versuchen, unseren gewohnten Alltag aufrechtzuerhalten, als wäre nichts anders. Als könnte man die äusseren Umstände einfach ausblenden. Dabei sendet uns unser Körper längst andere Signale. Er wird langsamer. Die Konzentration lässt nach. Die Geduld wird kürzer. Wir schlafen schlechter und sind schneller erschöpft. Doch statt dieser Realität anzuerkennen, reagieren viele mit Frust.

    Für mein hochsensibles Nervensystem ist diese Hitze eine grosse Herausforderung. Ich merke sehr deutlich, wie die hohen Temperaturen meine Energie, meine Konzentration und meine Belastbarkeit beeinflussen. Und ehrlich gesagt habe ich gar keine andere Wahl, als das zu akzeptieren. Mit Hitze bin ich schlicht nicht besonders kompatibel. Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, dagegen anzukämpfen. Ich hätte mich geärgert, dass ich weniger leistungsfähig bin, und versucht, trotzdem alles zu schaffen. Heute weiss ich, dass das nur noch mehr Kraft kostet. Deshalb habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, unabhängig von den Umständen immer gleich funktionieren zu müssen. Stattdessen schalte ich einen Gang runter. Ich bewege mich in einem langsameren Modus, plane weniger ein und höre genauer auf die Signale meines Körpers. An heissen Tagen richte ich mich nicht nach meinem üblichen Tempo, sondern nach dem Tempo, das mein Körper vorgibt. Interessanterweise macht genau das die Hitze erträglicher. Nicht weil sie dadurch weniger anstrengend wäre, sondern weil ich aufhöre, zusätzlich gegen sie anzukämpfen. Ich verschwende meine Energie nicht mehr darauf, etwas erzwingen zu wollen, das gerade nicht möglich ist. Ich arrangiere mich mit den Gegebenheiten – und meistere die heissen Tage gerade deshalb deutlich besser.

    Die Hitze erinnert uns daran, dass es Bedingungen gibt, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Es gibt Tage, an denen weniger möglich ist. Tage, an denen die Natur die Geschwindigkeit vorgibt und nicht unser Terminkalender. Die Hitze macht keinen Unterschied zwischen Führungskraft und Praktikantin, zwischen Selbstständigem und Angestellter. Sie zeigt uns allen dieselbe Grenze: Du bist ein Mensch. Die eigentliche Herausforderung dieser Hitzetage liegt nicht in der Temperatur, sondern in unserer Haltung. Es ist heiss. Die Bahn hat Verspätung. Die Konzentration reicht heute nur für das Nötigste. Ja, dann ist das eben so.

    Dieser Satz klingt unspektakulär. Doch er enthält eine grosse Freiheit. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören, gegen die Umstände anzukämpfen, verlieren sie oft einen Teil ihrer Macht über uns. Die Hitze bleibt dieselbe. Aber der zusätzliche Stress, den wir durch unseren Widerstand erzeugen, verschwindet. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir jede Anstrengung aufgeben sollten. Es bedeutet lediglich, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, bevor sie uns dazu zwingen, stehenzubleiben. Es bedeutet, sich selbst dieselbe Nachsicht zu gewähren, die wir anderen meist selbstverständlich entgegenbringen.

    Ich sehe diese Tage nicht nur als Belastung. Sie sind eine Erinnerung daran, dass ich keine Maschinen bin, und dass der Wert eines Menschen nicht davon abhängt, wie viele Punkte auf einer To-do-Liste er abhaken kann. Manchmal ist Gelassenheit nichts anderes als die Erkenntnis, dass heute weniger geht als gestern. Und dass das völlig in Ordnung ist.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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